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Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes

Nachdem ich von der Universität Potsdam für den Erasmus+ Aufenthalt nominiert worden war, habe ich bereits Anfang März eine E-Mail von der Erasmus Koordinatorin der Universität Tartu (Annika Kalda) mit ausführlichen Informationen zum weiteren Vorgehen bekommen. Die Bewerbung für die Universität Tartu musste bis zum 15. April über das interne Bewerbungsportal erfolgen. Dafür waren eine Leistungsübersicht, eine Kopie des Personalausweises sowie bereits das Online Learning Agreement (OLA) erforderlich.
Im Vergleich zu anderen Universitäten begann dieser Prozess in Tartu meiner Erfahrung nach relativ früh. Viele andere Studierende mussten ihr OLA erst deutlich später ausfüllen und entsprechende Informationen vom International Office gab es offiziell daher auch erst später. In meinem Fall musste ich mir daher die Informationen selbst zusammensuchen, was aber gut machbar war. Da das OLA bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt eingereicht werden musste, waren im Vorlesungsverzeichnis der Universität Tartu noch nicht alle Kurse aufgeslistet, die später tatsächlich angeboten wurden. Man sollte daher damit rechnen, das OLA während des Aufenthalts noch einmal anzupassen, da viele interessante Kurse erst später sichtbar werden. Das Vorlesungsverzeichnis ist im Study Information System (SIS, auf Estnisch ÕIS) einsehbar.
Insgesamt war der Bewerbungs- und Vorbereitungsprozess mit den Informationen, die ich aus Potsdam und Tartu erhielt aber gut zu bewältigen. Ende Mai erhielt ich meinen offiziellen Letter of Acceptance der Universität Tartu.

Um nach Estland zu kommen, bin ich von Berlin nach Tallinn geflogen und dann mit dem Luxexpress Bus direkt vom Flughafen nach Tartu gefahren. Dieser Weg ist meistens der günstigste und tatsächlich sehr unkompliziert. Alternativ kann man über Helsinki direkt nach Tartu fliegen oder nach Riga reisen und von dort auch mit dem Luxexpress nach Tartu fahren.
Die Zeiten des Semesters waren insgesamt etwas anders als in Potsdam und vornherein nicht komplett klar. In der letzten Augustwoche fanden die Orientierungsveranstaltungen in Tartu statt, bevor dann in der ersten Septemberwoche die Kurse begannen. Ich hatte meinen letzten Unterricht kurz vor Weihnachten und bin deswegen Ende Dezember abgereist. Einige wenige Leute hatten aber noch Klausuren in Präsenz im Januar.


Studienfach: M.A. National and International Administration and Policy

Aufenthaltsdauer: 08/2025 - 12/2025

Gastuniversität: Universität Tartu

Gastland: Estland

Studium an der Gastuniversität

Das Studium an der Universität Tartu habe ich schon sehr anders wahrgenommen als an der Universität Potsdam. Dabei kann ich vor allem für das Johan-Skytte-Institut sprechen.

Insgesamt war die Kursauswahl in meinem Bereich relativ gut und für mich sehr interessant. Mich hat besonders positiv überrascht, dass sich keine der Kurse zeitlich überschnitten haben, man also frei in seiner Wahl war. Die regulären Kurse umfassten in der Regel 6 ECTS, aber es gab auch 3-ECTS-Kurse, die nur über die Hälfte des Semesters liefen.

Generell waren meine Kurse nicht strikt in Vorlesungen oder Seminare unterteilt, sondern kombinierten meistens beide Formate. Je nach Woche fanden die Veranstaltungen entweder als klassische Vorlesungen oder als Seminare mit Diskussionen und Gruppenarbeiten statt. In den meisten Kursen bestand Anwesenheitspflicht. Oft wurde diese allerdings nur in den Seminarwochen kontrolliert.

Das Studiensystem unterscheidet sich insgesamt deutlich von dem in Deutschland. Anstelle großer Hausarbeiten nach Ende der Vorlesungszeit gab es während des Semesters mehrere kleinere, bewertete Prüfungsleistungen. Am Ende gibt es meistens eine größere Klausur oder ein Essay. Ich empfand dieses System als angenehm, weil man dadurch kontinuierlich zum Lernen motiviert wird. Was mir im Ausland aber generell aufgefallen ist, ist, dass an deutschen Universitäten im Vergleich das wissenschaftliche Arbeiten und Forschung viel mehr im Vordergrund stehen. Die Benotung erfolgte in allen meinen Kursen nach dem A–F-System und schien mir insgesamt nicht besonders streng, solange man alle Anforderungen erfüllt hat. Für die Studienorganisation wurde, wie auch in Potsdam, Moodle genutzt.

Das Studienklima insgesamt war für mich sehr angenehm. Dadurch, dass die Universität in Tartu eine große Bedeutung hat, die Stadt aber insgesamt relativ klein ist, habe ich hier mehr ein Gemeinschaftsgefühl erlebt als in Berlin oder Potsdam. Die Dozierenden und Mitarbeitenden der Universität waren meiner Erfahrung nach, alle immer sehr freundlich und gut erreichbar. Ich kann außerdem empfehlen die Diskussionsveranstaltungen des Instituts zu besuchen, die regelmäßig zu verschiedenen Themen stattfinden.

Die Universität hat zahlreiche Gebäude und Standorte in der Stadt. Das Gebäude des Johan-Skytte-Instituts ist etwas älter und kleiner, aber sehr schön. Es gibt genügen Orte in der Stadt zum Lernen, wie die Universitätsbibliothek oder das Delta Centre.

Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden

Der Kontakt zu anderen internationalen Studierenden fiel mir sehr leicht. Vor allem wenn man im Wohnheim lebt und an den ESN-Veranstaltungen teilnimmt, kann man gut Anschluss finden. Durch die geringe Größe der Stadt und die Tatsache, dass die meisten der Erasmus-Studierenden im selben Wohnheim wohnen (Raatuse), sieht man sich ständig und findet schnell Freunde. Vor allem für Menschen, denen es weniger leicht fällt, neue Kontakte zu knüpfen, kann ich das Wohnen im Wohnheim sehr empfehlen. Mit meinen Mitbewohnerinnen habe ich mit Abstand die meiste Zeit verbracht, und auch von vielen anderen WGs habe ich ähnliche Erfahrungen gehört.

Um mit estnischen Studierenden in Kontakt zu kommen, muss man sich etwas mehr bemühen. Das liegt aber meiner Meinung nach nicht unbedingt an dem Vorurteil, dass Est:innen so zurückhaltend sind, sondern, dass das überall schwierig ist. Ich habe daher eher wenige solcher Begegnungen gehabt. Die Besten Möglichkeiten, um einheimische Studierende kennenzulernen, die ich von anderen mitbekommen habe, sind allerdings Sportangebote oder Bars.

Insgesamt würde ich allen raten, sich nicht ausschließlich mit anderen deutschen Studierenden zu umgeben. So wie überall, gab es in Tartu sehr viele deutsche Erasmus-Studierende, und meiner Beobachtung nach haben sich mehrere große deutsche Gruppen gebildet, die über das gesamte Semester fast alles gemeinsam unternommen haben und wenig Austausch mit anderen hatten.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Meine Kurse in Tartu fanden alle auf Englisch statt. Da ich bereits in Potsdam auf Englisch studiere, gab es für mich keine Umstellung dahingehend.

Mehr sagen kann ich hingegen zu meiner estnischen Sprachkompetenz. Grundsätzlich wird einem vorher wahrscheinlich oft gesagt, dass es keinen Sinn macht oder kaum notwendig ist, Estnisch zu lernen, da fast alle sehr gut Englisch sprechen. Es stimmt natürlich auch, dass die estnische Sprache komplex ist und von relativ wenigen Leuten gesprochen wird. Aber vor allem bei einem Land mit einer solchen Geschichte wie Estland, war es für mich sehr wichtig und symbolisch, es zumindest ein bisschen zu versuchen. Vor meinem Aufenthalt habe ich versucht, mir mit Apps die Grundlagen beizubringen (empfehlen kann ich “Drops”, Duolingo bietet Estnisch nicht an). Zusätzlich gibt es die kostenlose Online-Plattform Keeleklikk, mit der man kostenlos lernen kann. Vor Ort habe ich mich dann für einen Estnischkurs (A0-A1.1) entschieden, der zweimal pro Woche stattfand. Dieser Kurs war mit Abstand mein Lieblingskurs in Tartu. Natürlich darf man nicht erwarten, danach fließend sprechen zu können, aber ich konnte viele Wörter lernen und ein Grundverständnis für die Grammatik entwickeln. Außerdem war der Kurs eine sehr gute Möglichkeit, andere Studierende kennenzulernen, mit denen ich viel Zeit verbracht habe. Solange man meistens anwesend ist und in dem Kurs mitmacht, ist es auch nicht sehr schwierig eine gute Note zu bekommen. Ich kann einen Sprachkurs daher wirklich empfehlen.

Wohn-  und Lebenssituation

In den Informationen der Universität Tartu wird relativ früh dazu geraten, sich für einen Wohnheimplatz zu bewerben. Als Erasmus-Studierende kann man sich nur für das Wohnheim Raatuse 22 anmelden. Dort lebt man in WGs mit drei Zimmern, die jeweils von einer oder zwei Personen bewohnt werden, und teilt sich Küche und Bad. Die Bewerbung dafür erfolgt Anfang Juni, und ich kann den Tipp nur weitergeben, sich tatsächlich direkt um Mitternacht anzumelden. Insgesamt kann ich das Wohnheim sehr empfehlen. Die Wohnungen sind einfach ausgestattet, aber man hat alles Nötige. Die Lage ist wirklich sehr gut und fast alles in Tartu ist innerhalb von etwa zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Da die meisten Erasmus-Studierenden dort wohnen, findet man dadurch außerdem sehr schnell Anschluss. Ich habe mich entschieden, ein Zimmer zu teilen, und dafür 276,00 € pro Monat bezahlt. Anfangs war ich etwas nervös, hatte aber eine sehr positive Erfahrung und habe mich mit meinen Mitbewohnerinnen sehr gut verstanden. Ähnliches habe ich auch aus den meisten anderen WGs gehört. Natürlich gab es kleinere Meinungsverschiedenheiten, aber da allen bewusst war, dass man nur wenige Monate zusammenlebt, ließ sich das gut regeln. Sollte man sich kein Zimmer teilen wollen oder keinen Wohnheimplatz bekommen, findet man außerhalb des Wohnheims aber ehrlich gesagt ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Viele haben bei Rare Apartments gewohnt, andere Alternativen waren HugoStay gegenüber dem Wohnheim oder natürlich private Anbieter.

Öffentliche Verkehrsmittel habe ich innerhalb Tartus kaum genutzt und bin überall nur zu Fuß hingelaufen. Wenn man jedoch an einem Standort weiter außerhalb studiert, kann man sich eine Buskarte kaufen und aufladen, wodurch die Fahrten günstiger werden.

Lebensmittel sind insgesamt etwas teurer als in Deutschland, aber die Preise variieren stark je nach Supermarkt (von teuer zu günstig nach meiner Erfahrung: Selver > Coop > Rimi/Maxima > Lidl > Tartu Markthalle). Es lohnt sich sehr, Kundenkarten bzw. die Apps der Supermärkte zu nutzen, da man damit viel sparen kann. Da es keine klassische Mensa gibt, bieten viele Restaurants Mittagsangebote an. Hierfür kann man die App “Päevapakkumised“ verwenden, auch wenn ich sie selbst nie genutzt habe. Zum Essen war ich besonders gerne in der Cafeteria im Delta Centre und im Café Werner.

Tartu ist natürlich eine kleine Stadt mit begrenzten Möglichkeiten. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, genügend Freizeitangebote zu haben. Wöchentlich gab es ESN-Veranstaltungen, und besonders die monatlichen Karaoke-Abende und Quiz Nights waren Highlights. Die Stadt hat außerdem viele Museen, darunter das Nationalmuseum, das wirklich toll ist. Besonders lohnen sich die Museen der Universität Tartu, da sie mit einem Passwort, das man in der Orientierungsveranstaltung erhält, kostenlos besucht werden können. Sehr empfehlen kann ich außerdem, estnische Volkstänze auszuprobieren. ESN und AEGEE haben während des Semesters Workshops angeboten, aber eine besonders nette Erfahrung war der Tartu Tanzklub, der alle zwei Wochen mittwochs mit Livemusik im Veranstaltungshaus Tiigi 11 stattfindet. Was Sport angeht, haben sich viele in lokalen Vereinen oder Fitnessstudios angemeldet. Es gibt Angebote der Uni, allerdings waren die meisten, die ich kannte, bei Lemongym. Für Bars und Partys gibt es einige bekannte Orte, die man als Erasmus-Studierende wahrscheinlich schnell findet (z. B. Möku, Barlova, Shooters). Vor allem während den wärmeren Monaten, sollte man natürlich auch die Natur Estlands entdecken, z.B. die vielen Nationalparks, die Moore oder den Peipussee. Auch Reisen innerhalb Estlands und ins Ausland kann ich sehr empfehlen. Mit den Luxexpress Bussen kann man z.B. sehr günstig und einfach für einen Tag nach Tallinn, Pärnu oder Viljandi.

Studienfach: M.A. National and International Administration and Policy

Aufenthaltsdauer: 08/2025 - 12/2025

Gastuniversität: Universität Tartu

Gastland: Estland

Rückblick

Insgesamt hatte ich eine sehr schöne Zeit in Tartu, was viel mit dem Leben in einer kleinen Universitätsstadt zusammenhängt. Ich konnte mich dadurch einerseits gut auf das Studium konzentrieren und gleichzeitig sehr leicht mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Die Universität ist wirklich gut organisiert und die Kursinhalte sehr interessant. Als Standort eignet sich Tartu super, um Estland und die Region kennenzulernen. Es stimmt, dass man die Sonne selten sieht, aber das Klima ist wirklich nicht so schlimm, wie es sich alle vorstellen. Während meines Aufenthalts habe ich viel über Estland gelernt und besonders fasziniert war ich davon, wie wertschätzend die Menschen aufgrund ihrer Geschichte mit ihrem Land umgehen, sei es im Umgang mit der Natur oder bei der Bewahrung von Kultur und Sprache.Als Erasmus-Studierende:r ist es einfach, in einem internationalen Umfeld zu bleiben. Ich kann jedoch jedem nur raten, sich mehr mit Estland zu befassen, beispielsweise durch Museen oder Tanz, Sprachkurse oder Kurse über Geschichte und Kultur, die für internationale Studierende angeboten werden. Tartu als kulturelle Hauptstadt Estlands ist dafür wirklich gut geeignet.


Estland

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