Hintergrund des großen Interesses an ihrer Arbeit ist, dass die in der Nordsee lebende Meeresalge sehr erfolgreich im Binnenland angebaut werden kann, und zwar in salzhaltigem Tiefenwasser. Ein nahezu perfektes Nährmedium bietet die Natursole von Bad Saarow, wo im Projekt „Solebasierte Kultivierungssysteme für binnenländische Makro- und Mikroalgen“ – kurz SolKubiM – ein völlig neuer, besonders nachhaltiger Ansatz erprobt wird. Der Anbau wird hier quasi in den Betrieb der SaarowTherme integriert: „Wir nutzen deren Infrastruktur, Energie und die bereits aufbereitete Sole und gewinnen so unter kontrollierten Bedingungen hochwertige Algen, die frei von Schadstoffen sind“, berichtet Projektleiterin Dr. Anna Fricke vom Großbeerener Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ). Aus diesem regionalen Anbau sollen zunächst hautpflegende Produkte hergestellt werden. Zukünftig könnte sich Ulva compressa aber auch als Meeressalat auf der Speisekarte des Thermenrestaurants finden, meint die Wissenschaftlerin.
Reich an Ballaststoffen
Um die gesundheitsfördernden Potenziale der Alge freilegen und ihren Wert für die Ernährung bestimmen zu können, hatte Dr. Anna Fricke vor zwei Jahren die Potsdamer Studentin Valeriya Denisova mit ins Boot geholt. Im vom Bund geförderten Projekt „food4future“ wird in Großbeeren intensiv an alternativen Nahrungsquellen geforscht. Dank der engen Kooperation mit Professor Harshadrai M. Rawel von der Universität Potsdam hatte Valeriya Denisova die Möglichkeit, hier ihre Masterarbeit anzusiedeln.
Und sie nutzte diese Chance. Ihre chemischen Analysen zeigten, dass die in Bad Saarow erzeugte Biomasse reich an Ballaststoffen ist und mit einigen essenziellen Aminosäuren als gute Proteinquelle dienen kann. Zudem enthält die Alge in nicht unerheblichem Maße gesundheitsfördernde Carotinoide und Chlorophylle. Selbst das wenige Fett – der Gehalt liegt bei ein bis drei Prozent – ist von der „guten Sorte“, sagt die Forscherin und meint die entzündungshemmenden und das Herz-Kreislauf-System stärkenden Omega-3-Fettsäuren.
Was aber kommt davon tatsächlich im menschlichen Organismus an? Um das zu testen, stellte Valeriya Denisova im Labor die Verdauung in Mund, Magen und Pankreas mit Enzymen von Schweinen nach. „Man kann das nicht so einfach nachbauen“, merkt sie kritisch an, „aber für die erste Stufe meiner Untersuchung war das gut.“ Sie wollte herausfinden, ob sich mit den Enzymen aus den Algen jene Aminosäuren und Peptide herauslösen lassen, die für die Proteinsynthese im Körper eine Rolle spielen. „Einige wurden nachgewiesen, andere nicht. Und manches blieb völlig unverdaut: Die Polysacharide müssen dann im Darm von Bakterien verstoffwechselt werden“, erklärt die Forscherin.
Wertvoll für die Ernährung sind vor allem der hohe Ballaststoffgehalt, auch wenn die Alge Ulva compressa wegen des Aufbaus ihrer Zellwände etwas schwerer verdaulich ist. „Das Mikrobiom der Menschen in Europa ist nur bedingt an den Verzehr von Algen angepasst“, so die Wissenschaftlerin. In Asien, wo frische Algen weit verbreitet sind, sei das anders. „Vielleicht können wir die Algen ja auch fermentieren, so wie Sauerkraut, um sie leichter verdauen zu können“, überlegt Valeriya Denisova, überzeugt davon, dass sich das Mikrobiom auch an verändertes Essen anpassen kann. Immerhin hätten sich europäische Menschen weit vor dem Mittelalter schon einmal von Algen ernährt. Das hätten Gebissfunde gezeigt, in denen Spuren davon nachgewiesen wurden.
Algen in urbanen Räumen
Algen anzubauen, hat aber auch ökologische Vorteile: „Man kann sie im Tank im Keller, im Supermarkt, im Restaurant wachsen lassen. Es braucht keine landwirtschaftlichen Flächen, keine Pestizide, keine langen Transportwege in die Stadt. Je nach Algenart und Bedingungen kann schon nach wenigen Wochen erste Biomasse geerntet werden. Und sie wächst immer wieder nach“, schwärmt Valeriya Denisova vom großen Potenzial, das sie vor allem für geografische Gegenden sieht, wo traditionelle Landwirtschaft an ihre Grenzen stößt. Nicht zuletzt biete der Algenanbau in strukturschwachen Regionen neue, grüne Arbeitsfelder.
Wenn Valeriya Denisova Zukunftsbilder entwirft und dabei eine größere, eine gesellschaftliche Perspektive aufmacht, scheint etwas von ihrem ursprünglichen Berufsweg durch, den die heute 32-Jährige nicht gehen konnte. Diplomatin wollte sie werden. Gleich nach dem Abitur, das sie mit 16 im russischen Jekaterinburg ablegte, hatte sie Internationale Beziehungen studiert, Sprachen gelernt und ihr Deutsch perfektioniert. Doch nach der Annexion der Krim war klar, dass sie nicht in den diplomatischen Dienst nach Deutschland gehen würde. Gerade 20, den Bachelorabschluss in der Tasche, arbeitete sie in ihrer Heimat für eine Supermarktkette, später für eine Werbeagentur. Sie fühlte sich verloren, ihr Wissen blieb ungenutzt. So startete sie noch einmal neu durch, bewarb sich für naturwissenschaftliche Fächer an deutschen Universitäten und entschied sich, als sie mehrere Zusagen erhielt, für Ökotrophologie in Gießen. „Dort entdeckte ich mein Interesse für Mikrobiologie. Und für die Forschung.“
Das war auch der Grund, warum sie für den Master an die Universität Potsdam ins Institut für Ernährungswissenschaft wechselte, auch wenn sie dafür noch zwei fehlende Module nachstudieren musste. „Das hat Biss“, sagt Dr. Anna Fricke, die solche Eigenschaften zu schätzen weiß und sich freut, Valeriya Denisova schon als Studentin in ihr Team geholt zu haben. „Sie ist offen und zielstrebig, hat ihr Handwerk gelernt und beherrscht ihr Fach“, lobt die Meeresbiologin, die gern mit Forschenden anderer Disziplinen zusammenarbeitet. „Das schafft wirklich Innovation.“
„Lichtschwerter“ im Algenfass
Inzwischen ist Valeriya Denisova wissenschaftliche Mitarbeiterin in Dr. Frickes SolKubiM-Projekt und promoviert bei Prof. Dr. Susanne Baldermann an der Universität Bayreuth. Für ihre Doktorarbeit untersucht sie, wie sich die Kultivierungsbedingen der Alge verbessern lassen. Was erhöht die Effizienz des Anbaus? Welches Licht ist optimal? „Anfangs hatten wir ein LED-Licht im Deckel des 100-Liter-Fasses installiert, in dem die Algen hier im Institut wachsen. Damit wurde aber nicht der ganze Inhalt beleuchtet“, beschreibt Valeriya Denisova das Problem. Die Lösung brachten programmierbare „Lichtschwerter“, die durch eine Öffnung im Deckel in das Fass gehängt werden und es voll ausleuchten. Eine Entwicklung aus dem food4future-Projekt, die der Zusammenarbeit von Dr. Fricke mit dem Team um Prof. Dr. Christian Dreyer von der Technischen Hochschule Wildau entstammt.
Am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Bergholz-Rehbrücke wird unterdessen getestet, welche Carotinoide die Algen enthalten und wie viel davon – über die Nahrung zu sich genommen – im Blut ankommen. „Man könnte aus Algen auch Proteine extrahieren, um damit Lebensmittel anzureichern oder Nahrungsergänzungsmittel herzustellen“, schaut Valeriya Denisova in die Zukunft, während sie – ganz in der Gegenwart – ein Stück der selbstgebackenen Algen-Quiche anbietet, die sie zur Verleihung des „Better World Award“ mit nach Potsdam gebracht hat.
Der Better World Award wird alljährlich von der Universitätsgesellschaft Potsdam e. V. und der LAND BRANDENBURG LOTTO GmbH verliehen. Der mit 3.333 Euro dotierte Preis geht an junge Akademikerinnen und Akademiker, die mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten einen entscheidenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft leisten. Zu weiteren Infos zum Award: https://www.uni-potsdam.de/de/uniges/foerderungen-preise/better-world-award-bwa
Solebasierte Kultivierungssysteme für binnenländische Makround Mikroalgen (SolKuBim): Aufbau einer innovativen, Sole betriebenen Aquakulturanlage, zur landbasierten Produktion hochwertiger Algenbiomasse und somit die Erschließung neuer Nutzungsfelder – wie beispielsweise Kosmetik, Lebens- und Futtermittel – als Fallstudie für den Standort Bad Saarow. Leitung: Dr. Anna Fricke, Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau e.V.
Gefördert vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.
food4future – Nahrung der Zukunft (f4f) ist ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördertes Verbundprojekt, in dem seit 2019 radikale Innovationen für eine nachhaltige und gesunde Lebensmittelversorgung untersucht und in die Praxis überführt werden.
Zur Website von food4future: https://www.food4future.de/de/home
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.