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Brücken bauen für einen gelungenen Studienstart – Perspektiven aus Schule und Hochschule im MINT-Bereich

  • Laeticia Dreydemy im Selbstportrait.
    Foto: privat
    Laeticia Dreydemy studiert seit dem Wintersemester 2022/23 – erst im Bachelor, dann im Master – Physik an der Universität Potsdam. Sie engagiert sich im Fachschaftsrat Mathe-Physik.
  • Prof. Dr. Jan Metzger bei einem Vortrag
    Foto: Kevin Ryl
    Prof. Dr. Jan Metzger ist seit 2010 Professor für Partielle Differentialgleichungen an der Universität Potsdam. Seit Oktober 2024 ist er Studiendekan der Mathematisch- Naturwissenschaftlichen Fakultät.
  • Tagung „ Brücken bauen“ im September 2025. Blick in einen Hörsaal.
    Foto: Thomas Roese
    Reger Austausch bei der Tagung „ Brücken bauen“ im September 2025.

Wenn sie heute auf ihren Studienbeginn zurückblickt, wirkt vieles erstaunlich fern. Die Physikstudentin Laeticia Dreydemy ist inzwischen im Masterstudium angekommen, sicher im Fach, vertraut mit dem universitären Alltag. Doch sie erinnert sich gut an den Moment, als sie zum ersten Mal im Hörsaal saß – Montag, 8:00 Uhr, Mathematikvorlesung, ganz vorn, vierter Platz von links. „Es war nicht nur neu, es war fremd. Ich wusste nicht, woran ich mich orientieren soll“, schildert sie.

In der Schule war das Lernen eingebettet in vertraute Strukturen: Die Aufgabenstellungen waren klar, es gab regelmäßige Rückmeldungen und transparente Anforderungen. Mit dem Studienbeginn änderte sich das spürbar. Inhalte wurden nicht mehr schrittweise eingeführt, sondern vorausgesetzt; Lösungswege nicht mehr angeleitet, sondern erwartet. „Was das Lernen betrifft, habe ich gemerkt, dass ich umdenken muss und nicht einfach so weitermachen kann wie in der Schule“, so Dreydemy.

Solche Erfahrungen gehören für Studierende zum Übergang zwischen Schule und Hochschule. Sie entstehen, weil beide Systeme unterschiedlichen Bildungslogiken und Lernkulturen folgen. Was in der Schule noch als gutes Mithalten gilt, reicht im Studium plötzlich nicht mehr aus. Der Übergang lässt sich nicht glätten – aber man kann die Studierenden darauf vorbereiten, indem man ihnen deutlich macht, dass sich Regeln ändern werden.

Wenn verschiedene Bildungslogiken aufeinandertreffen 

Aus Sicht der Hochschule ist dieser Bruchmoment seit Langem bekannt. Jan Metzger, Mathematik-Professor und Studiendekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, beschreibt den Studienstart als einen Zeitpunkt der Sortierung: „In den ersten drei Semestern wird sichtbar, wie weit das mitgebrachte Vorwissen trägt, wo Lücken bestehen und was Studierende bereit sind, ergänzend zu erarbeiten.“ Das fachliche Niveau der MINT-Studiengänge steht für ihn dabei nicht zur Disposition. „Das Ziel eines qualitativ hochwertigen Abschlusses ist Teil des universitären Anspruches“, sagt er, „aber in jedem Jahr kommen die neuen Studierenden mit sehr heterogenen Voraussetzungen an die Universität.“ Dieser Eindruck wird von zahlreichen Dozierenden der Fakultät bestätigt. Sie berichten immer häufiger von Schwierigkeiten bei den Erstsemestern, grundlegende Studienanforderungen zu bewältigen.

Die unterschiedlichen Vorkenntnisse treffen im Studium auf eine andere Lern- und Arbeitslogik als in der Schule. Für die Hochschule bedeutet das, Lehre und Studienstrukturen so zu gestalten, dass Erwartungen an die Studierenden klar kommuniziert und fachliche Anforderungen transparent gemacht werden. „Ein MINT-Studium ist anspruchsvoll“, sagt Metzger. „Es erfordert Zeit, Ausdauer und Frustrationstoleranz.“ Umso wichtiger sei es aus seiner Sicht, diesen Einsatz in den Kontext des angestrebten Abschlusses zu stellen. So gelte es, den Studierenden frühzeitig fachliche Denkweisen zu vermitteln und zu verdeutlichen, warum sich ihr Einsatz langfristig auszahlt.

Die Unterschiede sichtbar machen 

Vor diesem Hintergrund fand im September 2025 an der Universität Potsdam eine dialogorientierte Tagung mit Vertreterinnen und Vertretern aus Schulen, Hochschulen, Bildungspolitik und -verwaltung statt, die gemeinsam Bruchstellen und Handlungsspielräume diskutierten.

Ein zentrales Ergebnis dieses Austauschs: Studierfähigkeit ist kein fertiges Produkt zum Studienbeginn, sondern entwickelt sich im Zusammenspiel individueller Voraussetzungen und universitärer Anforderungen. Das bedeutet eine gemeinsame Verantwortung für Schulen und Hochschulen, die miteinander durch Orientierungs- und Unterstützungsangebote die Grundlagen für ein erfolgreiches Studium schaffen können.

Von schulischer Seite wurde betont, dass die Möglichkeiten der Studienvorbereitung stark durch curriculare Vorgaben, Prüfungsformate und enge Zeitstrukturen begrenzt sind. Lehrkräfte beschrieben, dass längere Phasen eigenverantwortlichen Arbeitens, der Umgang mit offenen Aufgaben oder eine systematische Annäherung an wissenschaftliche Denkweisen im Schulalltag nur eingeschränkt realisierbar sind. Umso größer sei der Bedarf an konkreten Einblicken in universitäre Arbeitsweisen und Aufgabenformate. Gefordert wurden verbindliche Austauschstrukturen, in denen Erwartungen kontinuierlich geklärt werden können – ergänzt um bildungspolitische Unterstützung für eine verlässliche Zusammenarbeit.

Brücken bauen als gemeinschaftliche Aufgabe 

Wie gemeinsamer Gestaltungsspielraum genutzt werden kann, zeigte der Keynote-Sprecher Prof. Aiso Heinze, der das Projekt MaLeMINT aus Schleswig-Holstein vorstellte. In einem landesweiten bildungspolitisch unterstützten Prozess haben Schulen und Hochschulen mathematische Lernvoraussetzungen für ein MINT-Studium miteinander abgestimmt und diese in gemeinsam entwickelten Unterrichtsmaterialen umgesetzt. Das Folgeprojekt mintSH hat diese Ergebnisse digital weitergeführt. Der Ansatz macht deutlich, dass ein transparentes Management der Erwartungen im Übergang möglich ist – vorausgesetzt, es gibt Zeit, Ressourcen und bildungspolitischen Rückhalt.

An der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam liegt der Schwerpunkt bislang auf Maßnahmen zum Studienbeginn. Brückenkurse, Orientierungsangebote und geförderte Lehrprojekte unterstützen Studierende beim Einstieg in akademische Lernkulturen. Sie sind Ausdruck des Verantwortungsbewusstseins der Hochschule – und zugleich anschlussfähig für weiterführende Kooperationen.


Weitere Informationen zur Tagung und das Projekt „mintSH“:
https://mintsh.de/

https://www.uni-potsdam.de/de/mnfakul/studium-und-lehre/studienbeginn/tagung-bruecken-bauen-uebergaenge-gestalten

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.